Statement von Kultursenator Dr. Thomas Flierl (PDS) im Rahmen
der Auftaktpressekonferenz des MD Berlin zum Berliner
Themenjahr 2005 "Zwischen Krieg und Frieden" am 15.3.2005
Lieber Herr Prof. Ottomeyer,
lieber Herr Kühnelt,
meine sehr verehrten Damen und Herren,
der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Die Alliierten haben Deutschland
und seine Bewohner befreit von dem menschenverachtenden System der
nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. So haben es jene erlebt, die
unter diesem System leiden mussten - und jene, die im Widerstand
waren.
So ist es auch von vielen Deutschen empfunden worden, als
Nazideutschland kapitulierte und die Waffen schwiegen.
Befreiung: Das - und nur das - ist die historische Bedeutung dieses Tages!
Niemand wird deshalb vergessen, welche Opfer auch die deutsche
Bevölkerung auf dem Weg zu ihrer Befreiung bringen, ertragen und
erleiden musste. Sie zu verschweigen, hieße Geschichte zu verkürzen und
den Boden für neuerliche Ressentiments und historischen Relativismus zu
bereiten.
Aber niemand- und leider gibt es Grund genug dies zu betonen - kann und
darf sich heute anschicken, Ursache und Wirkung zu verwischen. Wer über
Flucht, Vertreibung und Unfreiheit nach 1945 spricht, muss deutlich
machen, dass der Anfang dieses Elends in jener nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft lag, die zu Massenmord und Krieg mit über 50 Millionen
Toten führte.
"Wir dürfen den 8. Mai 1945 nicht vom 30. Januar 1933 trennen."
(R.v.W.)
Eigentlich war mit der berühmen Rede Richard von Weizsäckers, aus der
dieser Satz stammt, vor nunmehr 20 Jahren alles gesagt, was man zu
diesem Datum der deutschen und internationalen Geschichte sagen kann
und sagen muss.
Dass es trotzdem noch immer nötig ist, sich mit der Bedeutung dieses
Tages auseinander zusetzen, zeigte in diesen Wochen der - ich kann es
auch diplomatisch nicht anders nennen: - Skandal um den
Mehrheitsantrag der Bezirksverordneten von Steglitz-Zehlendorf.
Gut, dass er aufgehoben wurde.
Und vielleicht muss man ja wirklich froh sein, dass solche peinlichen
Auseinandersetzungen das Licht der Öffentlichkeit erreichen, weil auf
diese Weise klar wird, dass Vergangenheit eben nicht in einem einmaligen
Akt bewältigt werden kann; sondern, dass historische Verantwortung
etwas ist, dass sich jede Generation neu aneignen muss.
Einer Forsa-Umfrage zufolge sehen inzwischen vier von fünf Berliner den
8. Mai als Tag der Befreiung. Hier gibt es, im Unterschied zu vielen
anderen Themen der Zeit, keinen Unterschied zwischen Ost und West.
Für uns gab es seither nur noch zwei Tage, die in der historischen
Dimension an den 8. Mai heranreichen.
Das war der 9. November 1989 und der 24. Mai 2004. Der eine beendete
mit dem Mauerfall symbolisch die deutsche Teilung, der andere vollendete
mit der Osterweiterung der Europäische Union den Abschied von der
europäischen Nachkriegszeit. Potsdam und Jalta wurden auf friedliche Art
und Weise Teil der deutschen und europäischen Geschichte.
Als wir uns im Jahre 2002 in der Kulturverwaltung Gedanken machten, wie
die deutschen Hauptstadt und das Land Berlin diesen 60. Jahrestag
begehen sollte, trafen wir zunächst auf erhebliche Skepsis.
Warum soll man gerade zum 60. Jahrestag noch einmal etwas größeres
planen, wo doch mit dem 50. Jahrestag das Thema abgehandelt und
erledigt schien?
Für uns war dieses Datum nicht nur deswegen von besonderer Bedeutung,
weil es vermutlich der letzte große Jahrestag sein wird, den wir noch
gemeinsam mit den Zeitzeugen begehen können. Es ist zugleich der erste
große nach dem Regierungsumzug. Es ist zugleich auch das Jahr, in dem
der Tag der Wiedervereinigung Deutschlands zum 15. Mal begangen wird.
Mit Blick auf diese Daten waren bereits drei große Einweihungen in Berlin
und Brandenburg vorgesehen.
- Zeitlich zuerst die Eröffnung der neuen Erinnerungsstätte
Notaufnahmelager Marienfelde am 14. April.
- Dann, zum 60. Jahrestag der Befreiung des KZ Sachsenhausen, die
Einweihung der neuen Gedenkstätte an der "Station Z".
- Und schließlich die Einweihung des Denkmals für die ermordeten Juden
Europas am 10. November 2005.
Diese drei Ereignisse werden zweifellos im Zentrum der Aufmerksamkeit
dieses Jahres stehen.
Aber aus unserer Sicht sollten diese Ereignisse in einem Umfeld gewürdigt
werden, das den Bogen schlägt von den Anlässen zu einer aktiven
Erinnerung an die zurückliegenden 60 Jahre und ihre historischen
Voraussetzungen.
Angesichts der über Berlin und Deutschland hinausreichenden Bedeutung
dieses Themas habe ich im November 2003 ein Kuratorium unter dem
Vorsitz von Prof. Blumenthal und Prof. Lehmann berufen, dem nicht nur
Vertreter der Gedenkstätten und Museen, der Bundeszentrale für
politische Bildung und der Fachressorts aus Bund und Land angehörten,
sondern auch die Botschaften der vier ehemaligen Besatzungsmächte und
Polens.
In diesem hochkarätigem Gremium haben wir gemeinsam darüber
nachgedacht, wie wir ein Kulturjahr zu diesem Thema gestalten können,
das die Erinnerung an diesen Zeitraum aus ganz unterschiedlichen
Perspektiven thematisiert.
Wir wollten deutlich machen, dass es keine Stunde NULL gibt,
- dass die Nachkriegsgeschichte im Zusammenhang steht mit der
Kriegsgeschichte,
- dass nach den physischen Zerstörungen des Krieges die mentalen
nachwirken,
- dass uns ein Teil unserer Gesellschaft - darunter Künstler,
Wissenschafter, Unternehmer - , die während der
nationalsozialistischen Herrschaft vertrieben oder ermordet wurden,
noch heute fehlen,
- dass der Bezug zu unseren Nachbarländern immer ein besonderer
bleiben wird,
- dass in diesen 60 Jahren aber auch vieles Neue gewachsen ist - und
eben nicht nur zwei Nachkriegsgenerationen.
Wir wollen zeigen, dass ein langer Weg erst getrennter und dann, nach
den Umbrüchen in der DDR, gemeinsamer deutscher Geschichte zurück
gelegt wurde. Mit allen Erfolgen - aber auch mit allen Schwierigkeiten, die
daraus für die Bewältigung unseres gemeinsamen historischen Erbes und
der gemeinsamen Verantwortung resultieren.
Für uns steht die Frage, ob und wie wir in der gesamtdeutschen
Perspektive, die wir infolge der wiedergewonnenen Einheit Deutschlands
jetzt sehen dürfen, von einem gemeinsamen Weg zu Demokratie und
Freiheit sprechen können.
Demokratie und Freiheit sind kein Besitz, dessen man sich sicher sein
kann. Sie müssen immer wieder und aufs Neue errungen und behauptet
werden. Und die Wege dahin verwahren sich scheinbar gesicherter
historischer Wahrheiten.
Wer, wenn nicht die Deutschen in Ost und West, sollten sich dessen in der
gebrochenen Kontinuität ihrer Nachkriegsgeschichte bewusst sein- und
dieses gemeinsame Bewusstsein zu ergründen suchen?
Die Konfliktzonen in aller Welt - auch und gerade an den Rändern unseres
Kontinents - zeigen, um welch ein flüchtiges Gut es sich dabei handelt.
Den nachwachsenden Generationen, die solche Kämpfe zumeist nur aus
dem Fernsehen kennen, sollten wir deutlich machen, was diese scheinbar
selbstverständlichen Güter wie Freiheit und Demokratie gerade in ihrem
Spannungsfeld zu Werten wie sozialer Gerechtigkeit bedeuten.
Wir sollten - gerade mit Blick auf unserer eigene Geschichte - deutlich
machen, wie gefährlich es ist, wenn dieser Wertekanon in ein
antagonistisches Spannungsverhältnis gesetzt wird und so droht, verloren
zu gehen oder gegeneinander ausgespielt zu werden.
Und wir sollten - im Bewusstsein unserer gemeinsamen und getrennten
Geschichte des vergangenen Jahrhunderts der Extreme - begreifend
vermitteln, dass die Trias aus Freiheit, Demokratie und sozialer
Gerechtigkeit das historische Fundament ist, auf dem unser
Gesellschaftsvertrag basiert.
Das Jahr 2005 ist in diesem Sinne ein ganz besonderes Jahr der
Zeitgeschichte. Und ich finde es gut und ermutigend, dass das Interesse
an zeitgeschichtlichen Fragen wächst. Das sehen wir in jüngsten
Filmproduktionen, in Fernsehdokumentationen, aber auch in den großen
Debatten der Feuilletons zur Erinnerungskultur in Deutschland.
Berlin verfügt wir über ein außerordentlich großes Potential historischer
Orte, Gedenkstätten und zeitgeschichtlicher Museen.
Berlin ist gewissermaßen die Hauptstadt der deutschen Zeitgeschichte.
Das Publikum sieht das auch so: Obwohl bundesweit die Besucherzahlen
eher sinken, erleben wir in Berlin einen steigenden Zuspruch bei unseren
Gedenkstätten und zeitgeschichtlichen Museen.
Der Bund und Berlin wollen gemeinsam in diesem Jahr die Gedenkstätten
der Hauptstadt neu aufstellen und noch attraktiver machen. Mit dem
Konzept zur Berliner Mauer werden wir auch dieses herausragende
Monument der Nachkriegsgeschichte erstmals systematisch und
thematisch für die Besucher erschließen. Mit der neuen Gedenkstätte für
die Zwangsarbeiter schließen wir im nächsten Jahr eine ganz wesentliche
Lücke in der öffentlichen Wahrnehmung eines wichtigen
zeitgeschichtlichen Themenfeldes. Und trotz der bekannten
Haushaltsmisere setzen wir hier besondere Schwerpunkte.
Mit dem schon vorhandenen und in das Jahresprogramm eingebundenen
Erinnerungsorten und Veranstaltungen können wir uns durchaus sehen
lassen:
- Das Museum Karlshorst als historischer Ort des 8. Mai, vor allem aber
als weltweit einziges Museum, dass von zwei ehemaligen Kriegsgegnern
zur Aufarbeitung der gemeinsamen Geschichte betrieben wird, begeht in
diesem Jahr am 8. Mai seinen 10. Geburtstag.
- Das Alliiertenmuseum erzählt die Geschichte des Wandels der
Westalliierten von Besatzungsmächten zu Freunden.
- Die Stiftung Topographie des Terrors hat für den neu geschaffenen
Ausstellungsraum in der ehemaligen Kaserne der Zitadelle einen
besonderen Ort gefunden, seine Geschichte vom Berlin 1945 zu
erzählen.
- Die deutsche Gesellschaft unter alliierter Besatzung stellen der
Landesbeauftragte für die Unterlagen des Staatsicherheitsdienstes und
das Institut für Zeitgeschichte im Haus der Demokratie und
Menschenrechte in einer attraktiven Film- und Diskussionsreihe vor.
- Und im Rathaus Schöneberg verfolgt man seit langem schon in
beispielhafter Weise die Spuren der ehemals dort lebenden jüdischen
Nachbarn - und bringt jungen Menschen damit ein wichtiges Thema
nahe; hält es lebendig.
An der Zitadelle in Besancon, wo sich jetzt das Musèe de la Resistance et
de la Deportation befindet, steht ein Satz des französischen Philosophen
George Santayana, der lautet:
"Wer sich der Vergangenheit nicht erinnern will, ist dazu verdammt, sie
wieder zu erleben."
Und Stefan Zweig sagte einmal:
"Einer muss den Frieden beginnen wie einer den Krieg."
Beides sind gute Leitworte für unser Kulturjahr "2005 Zwischen Krieg und
Frieden".
Ich wünsche und hoffe, dass all` die Energie, die Mitarbeiterinnen und
Mitarbeiter in den Museen, Gedenkstätten, beim MD, bei mir im Haus und
an anderen Orten in dieses Projekt investiert haben, dazu beiträgt,
Erinnerung, Verständnis und Kenntnis der Vorgänge für ein möglichst
breites Publikum zu erschließen.
Ich wünsche Ihnen und uns allen viel Erfolg in diesem Kulturjahr.
Und: Ich wünsche mir eine reflektierende - und, wenn es sein muss auch:
energische und polemische - Diskussion zu zeitgeschichtlichen Fragen.
So lange wir uns in der Sache auseinandersetzen, ist das Thema lebendig
und bringt uns zu neuen Standpunkten und Sichtweisen. Am Ende, so
hoffe ich für uns alle, auch in Steglitz-Zehlendorf!
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