Kriegsalltag in Reinickendorf

Reinickendorf, seit den 20er Jahren Berlins grösster Bezirk, war in den Kriegsjahren eine der grössten Waffenschmieden Deutschlands. Das Strassenleben war - wie Erzählungen von Bewohnern schildern - geprägt von Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen.
 
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatten sich im Norden Berlins zahlreiche große Firmen wie Borsig, Argus und die Deutsche Metallpatronen Fabrik angesiedelt, sodass bei der Bezirksreform im Jahre 1920 Reinickendorf zu den führenden Industriebezirken Berlins zählte. Durch die Umstellung aller Betriebe auf Rüstungserzeugnisse wurde Reinickendorf im Zweiten Weltkrieg eine der Waffenschmieden Deutschlands, deren Produktion durch den Einsatz von Zwangsarbeitern ermöglicht wurde. Vor allem in den Ortsteilen Tegel, Wittenau und Reinickendorf erstreckten sich riesige Zwangsarbeiterlager und prägten das Straßenbild. In der Flottenstraße an der S-Bahntrasse befand sich ein Außenlager des Konzentrationslagers Sachsenhausen, in dem vor allem ungarische Jüdinnen untergebracht waren. Die Geschichten, die von älteren Bewohnern Reinickendorfs seit 2002 über die Zeit vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg erzählt und vom Museum gesammelt werden, stellen den Alltag vor dem Hintergrund der »großen Geschichte« dar. Kleinteilig und fragmentarisch ergeben sie ein Bild, in dem zwar einige Stücke fehlen, das aber gut zu verstehen ist.

»Berliner Schnitzel« heißt das Buch, das im Dezember 2004 erschien und die Zeit bis 1950 abbildet, ein weiterer Band mit Geschichten bis 1965 folgt im Herbst 2005. Der Titel meint zunächst etwas Essbares, Schnitzel steht aber natürlich auch für Schnipsel: Erinnerungsschnipsel, Textschnipsel. Die Geschichten wurden aufgezeichnet und dann redaktionell bearbeitet. In der Ausstellung sind sie an Hörstationen zu rezipieren. Sie werden von den etwa 15 Autoren vorgelesen. Im Jahr 1930, mit dem die ersten Textstücke beginnen, waren die ältesten Erzähler acht oder neun Jahre alt. In diesem Jahr hat es bei Möbel Schwarz gebrannt. Zehn Jahre später wurden in dem Betrieb berühmte Propeller für Kampfflugzeuge hergestellt. Die Geschichten der Erinnerungswerkstatt greifen bekannte Themen wie Essen, Bombenkrieg, Zwangsarbeit und Blockade auf, ohne sie aber in den Vordergrund zu rücken. Fakten stehen nicht im Mittelpunkt, sie stellen eher die Bedingungen für persönliche Erlebnisse und Entwicklungen dar. Das eigentliche Interesse der Erzähler gilt dem Umgang mit der alltäglichen Realität. Die Besucher können so ein Gefühl für die erzählenden Personen entwickeln, deren Biografien immer deutlicher hervortreten. Wie ein zweites Bild legen sich die erzählten Geschichten über das Bild der "großen Geschichte".

Bild: Zwangsarbeiter bei der Bombenentschärfung Berlin 1944. Foto: Landesarchiv Berlin


Berliner Schnitzel und andere Geschichten zur Geschichte Reinickendorfs 1930-1965
27.05.2005 bis 29.01.2006

Heimatmuseum Reinickendorf, Berlin
Tel. 030.404 40 62
Mi-So 10-18 Uhr, Archiv Mi/Do 9-15 Uhr, Fr 9-12 Uhr
Eintritt 1,00 €, ermäßigt 0,50 €.



Museumspädagogischer Dienst Berlin,
Klosterstrasse 68, 10179 Berlin, info@kulturprojekte-berlin.de
MD-Infoline: 030-90 26 99 444
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